Grundeinkommen ist Beziehung und nicht Berechnung

Der Anthropologe David Graeber sagt, es gibt keine Schulden zwischen Menschen, die eine Beziehung zueinander haben. – Wer aber ernsthaft innerhalb einer Beziehung dem anderen etwas in Rechnung stellt, was Teil der Beziehung ist, beendet die Beziehung damit.

Englisch
David Graeber: »DEBT: The First 5,000 Years« | Talks at Google
https://www.youtube.com/watch?v=CZIINXhGDcs&t=

Eine Geschichte:
Ein kanadischer Naturalist bekam im Alter von 21 Jahren von seinem Vater eine Rechnung vorgelegt, was er bis dato die Eltern gekostet hat. Zum Beispiel ihn auf die Welt zu bringen, die diesbezüglichen Arztkosten, ihn zu erziehen, was seine Ausbildung, seine Kleidung und so weiter alles gekostet hat. – Also das, was die Eltern für ihren Sohn geleistet hatten, wurde dem Sohn als Rechnung präsentiert.

Der Vater hatte alles genau ausgerechnet und gab dem Sohn die Rechnung. – Der Sohn bezahlte die Rechnung und sagte: »Toll. Zur Hölle mit dir, ich werde niemals wieder mit dir reden«, und verließ das Haus für immer.

Graeber sagt, dass, wenn wir in Beziehungen leben, wir uns nichts gegenseitig in Rechnung stellen. – Wo aber in Gesellschaften doch »Rechnungen« aufgemacht werden, hat es meistens einen feindseligen Grund, oder es hat mit Auseinandersetzungen zu tun.

Das Thema passt zur Grundeinkommen-Diskussion. – Schulden haben, gegenüber der Gesellschaft. Oder »schuldig sein«, weil man als allgemeingültig titulierte Anforderungen nicht erfüllt.

So gibt es Grundeinkommen-Gegner, die behaupten, der Mensch hätte eine »Gegenleistungspflicht« in der Gesellschaft. Wenn er etwas bekommt, muss er das zurückzahlen. – Und mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen würde diese Gegenleistungspflicht ausgehebelt.

Graebers These ist hingegen, dass nur in »feindseligen Zusammenhängen« wir uns gegenseitig etwas penibel in Rechnung stellen. – Währenddessen in Beziehungen, »leben wir miteinander« und teilen alles und berücksichtigen die jeweilige Lebenssituation des anderen und klären Sachverhalte und finden eine gute Lösung, vertragen uns und bemühen uns um ein Verständnis füreinander. – Denn kennzeichnend für Beziehungen ist, ein gutwilliges Verhalten zueinander.

Das würde im Gegensatz dazu bedeuten, dass der Grundeinkommen-Gegner uns Menschen in der Gesellschaft so sieht, dass wir uns »berechnend« gegenseitig taxieren. Wie lässt sich der andere am besten ausbeuten, wie lässt sich seine Lage missbrauchen, wie kann der andere in eine Schuldsituation manövriert werden, die ihn in langjährige Abhängigkeit bringt. – Es würde zu dem negativen Menschenbild passen, zu dem Grundeinkommen-Gegner mehr neigen. – Sie sagen ja, dass der Mensch eher schlecht ist.

Hingegen mit einem positiven Menschenbild würden wir nicht auf die Idee kommen, uns unser Dasein gegenseitig in Rechnung zu stellen. – So etwas Gefühlskaltes würden wir nicht tun.

Wenn wir die Grundeinkommen-Idee auf die erzählte Geschichte übertragen, dann bedeutet das, dass wir großzügig sind, und das wir es ganz selbstverständlich so getan haben, die Kinder großzuziehen und wir freuen uns über ihre Freude und wollen sie unterstützen, ihren Weg zu gehen.

Das Leben der Mitmenschen ermöglichen, als gemeinsame Leistung, das ist die Grundeinkommen-Idee. – Und nicht den anderen die Rechnung präsentieren, was wir für sie getan haben. Mit kaltem Herzen.

Und natürlich muss unser aller Versorgung organisiert werden. – Das ist dann aber Teil der nachbarschaftlichen »Beziehungen«.

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